Bosna Quilts

«Das musst du mit uns weitermachen!»

30.07.2021

Der Krieg ist vorbei. Die Flüchtlinge kehren in ihre Heimat zurück. Das Flüchtlingsheim leert sich. Ist das nun das Ende der Bosna Quilt Werkstatt? Nein.

Goražde nach dem Krieg | Foto: Nikolaus Walter

Safira Hošo, die einmal bei einem Kaffee im Flüchtlingsheim den Wunsch geäußert hat, irgendwie weiterzumachen, meint es ernst. Als sie in ihre Heimat aufbricht, hat sie keine Nähmaschine im Gepäck, sondern ein Faxgerät. «Um in Kontakt zu bleiben», sagt sie. Es ist die Zeit vor E-Mail. Safira kehrt zusammen mit Vesna Malokas von Feldkirch nach Goražde zurück. Dort müssen sie sich erst einmal in der zerstörten Stadt zurechtfinden. Doch schon bald setzt sich Safira mit der Flüchtlingsbeauftragten der Stadt zusammen und kann über zehn Frauen, die den Krieg in Goražde erlebt und überlebt haben, für die Arbeit in der Bosna Quilt Werkstatt gewinnen. Natürlich hätten deutlich mehr Frauen an einem solchen Projekt teilnehmen wollen. Aber mit Blick auf die Kräfte aller Beteiligten ist es wichtig, das Ganze nicht zu groß werden zu lassen.

Im Dezember 1997 reist Lucia mit Ulrike Jussel († 2019) nach Goražde, die später bis zu ihrer Pensionierung 2013 bei ihr arbeiten wird. Lucia ist zum ersten Mal in Bosnien und erlebt, was es heißt, irgendwie wieder auf die Beine zu kommen in einem vom Krieg zerrütteten Land. Es steht außer Frage, dass sie alles dafür tun will, dass die Bosna Quilt Werkstatt hier in Goražde realisiert werden kann. Dank der Unterstützung vieler Menschen in Österreich und in Bosnien gelingt das auch.

Neues Leben in einem zerstörten Haus | Foto: Nikolaus Walter

In einer Zeit, in der eine Leine frisch gewaschener Wäsche der einzige Hinweis ist, dass ein zerbombtes Haus bewohnt ist, ist es ein Glück, dass Safira dieses Projekt nach Bosnien holt. Vielleicht wirken die weichen, farbigen, unbeschädigten Stoffe anfangs wie ein Fremdkörper in dieser zerrütteten Welt. Aber gerade deshalb sind sie so wichtig.

Safira und Vesna, die drei Jahre Quilterfahrung im Flüchtlingsheim haben, führen die neuen Näherinnen Schritt für Schritt ins Quilthandwerk ein. In Österreich werden gebrauchte Nähmaschinen gesammelt. Und im September 1998 schickte Lucia die ersten Quilt-Entwürfe nach Bosnien. Die ersten Quilts der neuen Bosna Quilt Werkstatt werden genäht.

Auf dem Balkon von Safira Hošos Haus werden die ersten Quilts gezeigt, die in Bosnien entstanden sind. | Foto Nikolaus Walter

Die Arbeitsteilung und der Produktionsprozess sind seither gleich geblieben: Die Quilts werden in Vorarlberg entworfen. Dann gehen sie nach Bosnien, wo sie genäht und übernäht werden. Und wenn sie fertig sind, kehren sie nach Österreich zurück, wo sie verkauft werden.

Die bosnischen Näherinnen werden sofort nach Fertigstellung eines Quilts bezahlt. Auch das ist bis heute so geblieben. In den schwierigen Nachkriegsjahren ist es ein gutes Gefühl, nicht von Almosen, sondern von gutem Lohn für gute Arbeit leben zu können.

Noch etwas ist unverändert geblieben: Seit 1998 produzieren dieselben Frauen die Bosna Quilts. Auf die Frage, was sich durch den Bosna Quilt Werkstatt für sie verändert habe, antwortet Safira bei einer Vernissage: «Jetzt sind wir alle Künstler.» Da spricht sie, denken wir, für alle Frauen.

Ein früher Bosna Quilt

Bosna Quilts

Text: Lucia Lienhard-Giesinger, Daniel Lienhard, Laurenz Feinig.
Gestaltung: Grafische Praxis, Feldkirch, Development: weitweit.com
Fotografie: Daniel Lienhard, wo nicht anders angegeben