Bosna Quilts

Goražde – wo die Bosna Quilts genäht werden

30.07.2021

Wo auch immer ein Bosna Quilt am Ende einen Platz findet, ob an einer Wand in Norddeutschland oder auf einem Bett im Südtirol – er war schon einmal in Goražde. Hier in dieser Stadt werden unsere Quilts genäht. Hier leben die Frauen, die die kunstvollen Nähte setzen.

Lassen Sie sich von Safira Hošo, der Leiterin der Bosna Quilt Werkstatt in Goražde, durch ihre Stadt führen.

Wenn man in Bosnien über einen Ort spricht, dann muss man das oft aufteilen in «vor dem Krieg» und «nach dem Krieg». Das gilt auch für Goražde.

Goražde vor dem Krieg:
Eine kleinere Industriestadt mit knapp 40.000 Einwohnern (ca. 27.000 Bosniaken / Muslime, ca. 11.000 Serben / Orthodoxe, ca. 1.200 Kroaten / Katholiken). Der Großteil der Bevölkerung arbeitet in Fabriken der Chemie-, Rüstungs-, Metall- und Textilindustrie. Es gibt aber auch viele kleine bäuerliche Betriebe. Die Stadt hat ein kleines Spital, ein Einkaufszentrum, ein Kino und ein Theater. Geheizt wird sie über ein Fernwärmenetz.

Goražde nach dem Krieg:
Die Stadt hat nur noch halb so viele Einwohner (rund 21.000). Viele sind im Krieg gefallen, noch mehr geflüchtet. Qualifizierte Arbeitskräfte sind längst ausgewandert, ebenso sehr viele Junge. Das Spital gibt es noch, Kino und Theater nicht mehr. Das Fernwärmenetz ist zerstört und wurde nicht mehr wieder aufgebaut. Die größten Arbeitgeber sind immer noch die Waffenfabrik und eine Textilfabrik. Es haben sich inzwischen aber auch einige ausländische Firmen angesiedelt, zum Beispiel ein deutscher Beschlägehersteller.
Die Zusammensetzung der Bevölkerung hat sich radikal verändert: ca. 20.000 Bosniaken / Muslime und ca. 700 Serben / Orthodoxe.

Die Stadt liegt an der Drina, landschaftlich eigentlich sehr schön. Unter anderen Bedingungen könnte Goražde und sein Umland ein beliebtes Ferienziel sein, eine touristische Attraktion: die kleine Stadt und die Dörfer in ihrer Nachbarschaft liegen wie hingegossen im weiten Tal, und die Drina mit ihrem unglaublich blaugrünen Wasser würde zum Baden oder zum Kanufahren einladen. Leider ist der Fluss zum Baden zu kalt und zu gefährlich. Das Wasserkraftwerk Mratinje in Montenegro öffnet immer wieder und ohne Vorwarnung die Schleusen der Talsperre. Darum kann der Pegel der Drina in kürzester Zeit um bis zu zwei Meter ansteigen.

Im Hof einer Wohnanlage liegt Brennholz. Weil es die Fernwärmeanlage nicht mehr gibt, haben die Bewohner ein Loch in die Aussenwand ihrer Wohnungen geschlagen und heizen individuell mit kleinen Holzöfen. Im Winter, vor allem bei Nebel und Tiefdruck, spürt man den beißenden Rauch aus den Hunderten von kleinen Öfen.

Auf dem Marktplatz steht seit wenigen Jahren eine große Moschee. Da hat vorher nie eine gestanden. Die Moschee ist eine Donation aus der Türkei. Geschickte Unterhändler haben ein Vakuum während eines Bürgermeisterwechsels ausgenützt und die Bewilligung der Stadtregierung bekommen. Ein Beispiel, wie islamische Staaten unter dem Deckmantel der Wohltätigkeit ihren Einfluss in ärmeren Ländern ausbauen. Es ist nicht nur die Türkei, die hier aktiv ist, sondern es sind – besonders auch in Sarajevo – Golfstaaten wie Qatar oder Saudiarabien. Auf christlicher Seite in Serbien geschieht übrigens das selbe, dort ist Russland die treibende Kraft für solche Interventionen.

Seit die Moschee auf dem Marktplatz steht, kann der Markt dort natürlich nicht mehr stattfinden. Die Markthalle befindet sich jetzt am Stadtrand und ist für Leute ohne Auto nur noch schwer erreichbar.

Unter der einen großen Brücke über die Drina hängt eine kleine Notbrücke. Sie stammt aus dem Krieg und erinnert eindrücklich an die Zeit der Belagerung. Von geschickten Bewohnern unter Lebensgefahr unter die Brücke gehängt, bot sie die einzige Möglichkeit, im Schutz der Autobrücke auf die andere Seite der Drina zu gelangen. Auch das war noch gefährlich genug. Ähnlich wie Sarajevo wurde auch Goražde jahrelang belagert. Mit dem Unterschied, dass Sarajevo internationale Hilfe erhielt, während Goražde die 1336-tägige Belagerung weitgehend aus eigener Kraft überstanden hat. Darum wird Goražde in Bosnien bisweilen «Grad Heroja», Stadt der Helden, genannt. Es ist schwer vorstellbar, wie das Leben – wenn man es überhaupt noch so nennen kann – in der belagerten Stadt gewesen sein muss.

Auch 25 Jahre nach Kriegsende sind die Wunden des Kriegs in Goražde noch sichtbar. Es gibt immer noch Häuser, deren Mauern von Einschusslöchern aus der Zeit der Belagerung übersät sind. Mit dem Auge nicht erkennbar, aber noch in großer Zahl präsent: Landminen. Noch immer ist es so, dass man es als Unkundiger unterlassen sollte, abseits der Wege durch die freie Natur zu gehen. Auf dem Bild eines der Schilder, die auf die Gefahr hinweisen. An dieser Hypothek wird diese Gegend noch lange zu tragen haben.

Aber – die Bosnier lassen sich das Leben nicht vergällen. Hier wird «zu unseren Ehren» am Ufer der Drina ein ganzes Lamm gebraten. Den Spieß muss man nicht von Hand drehen. Ekrem fährt kurzerhand das Auto neben die Feuerstelle und schließt den Elektromotor des Grills an der Autobatterie an.

Wir sind von der Gastfreundschaft unserer bosnischen Freunde jedes Mal gerührt und erfüllt. Und wenn man das Glück hat, an eines ihrer Feste eingeladen zu werden, dann ist das so herzlich, unkompliziert und schmackhaft, dass man alles vergisst, was ist und was war.

Bosna Quilts

Text: Lucia Lienhard-Giesinger, Daniel Lienhard, Laurenz Feinig.
Gestaltung: Grafische Praxis, Feldkirch, Development: weitweit.com
Fotografie: Daniel Lienhard, wo nicht anders angegeben