Bosna Quilts

Sarajevo – das Jerusalem Europas

30.07.2021

«Das Jerusalem Europas» oder «Klein-Jerusalem» wird Sarajevo bisweilen genannt. Tatsächlich haben sich über Jahrhunderte alle monotheistischen Religionen diese Stadt friedlich geteilt. Muslime, Orthodoxe und Katholiken waren schon bei der Gründung der Stadt im 15. Jahrhundert dabei. Wenig später kamen sephardische Juden hinzu, die vor der spanischen Inquisition flüchteten.

Häuserfronten am Ufer der Miljacka | Foto Mehmet Ozuryan, Shutterstock

Auch wenn der Blick auf diese multireligiöse Stadt etwas verklärt sein sollte – wenn man durchs heutige Sarajevo geht, fällt wirklich auf, dass sich Moscheen, orthodoxe und katholische Kirchen und Synagogen nur so abwechseln. Da hat man es offenbar für lange Zeit geschafft, in Frieden miteinander oder doch wenigstens nebeneinander zu leben, auch wenn man auf ganz verschiedene Weise an den gleichen Gott glaubte.

Sieht auf den ersten Blick aus wie die Nachbarschaft von Islam und Christentum. Aber beide Bauwerke sind osmanisch. Links das Minarett der Gazi-Husrev-Beg-Moschee und rechts der Uhrturm, der Sahat Kula, der in dieser Form oft neben Moscheen zu finden ist und im Stil eines italienischen Campanile gebaut ist.

Darum ist es unglaublich bitter, dass ausgerechnet Sarajevo erleben musste, wie man Ethnien so weit gegeneinander aufhetzen kann, bis sie mit Waffen aufeinander losgehen. Es mündete in einem sinnlosen Krieg, der für Sarajevo fast vier Jahre Belagerung bedeutete. Der Boden für diesen Krieg wurde von Nationalisten aller Lager durch eine Politik der Ausgrenzung und des Hasses vorbereitet.

Und machen wir uns nichts vor: Auch im heutigen Mitteleuropa ist rechtsnationales Gedankengut weit verbreitet. PolitikerInnen, die auf Spaltung setzen, und die, die sie wählen, spielen bewusst mit dem Risiko von sozialen und ethnischen Konflikten. In etlichen Staaten sitzen Rechtspopulisten bereits in der Regierung. Auch in Österreich.

Im Zentrum Sarajevos

Die legendäre Offenheit Sarajevos muss auch mit ihrer Lage zu tun haben. Sarajevo steht mit einem Fuss im Okzident und mit dem andern im Orient. Den Kaffee trinkt man wahlweise im türkischen Café oder im österreichischen Kaffeehaus. In der selben Straße wechselt die Architektur der Häuser von osmanisch zu westlich und wieder zurück.

Im Hotel Europa gibt es ein echt wienerisches Kaffeehaus

Der bosnische Schriftsteller Dževad Karahasan nennt Sarajevo darum die «ideale Stadt». Sehr wohl hätten sich dort ethnisch sehr ausgeprägte Bezirke gebildet, muslimische, orthodoxe, katholische und jüdische, schreibt er. Man habe diese aber als erweiterte Privatsphäre verstanden. Im öffentlichen Leben habe sich dann alles gemischt. Man habe sich zwar auch dort in Kleidung und Haltung als Jude, Christ oder Moslem zu erkennen gegeben, aber nicht mit dem Anspruch, zu den einzig Rechtgläubigen zu gehören. Im öffentlichen Raum habe es keine dominante Kultur oder Religion gegeben.

Im katholische Bregenz zum Beispiel, einer Stadt, wo traditionell eine Religion oder Konfession dominiert, steht die evangelische Kirche ausserhalb des Zentrums und weit zurückversetzt von der Straße. Das war Vorschrift. Alles, was nicht katholisch war, musste abseits stehen. So etwas ist für Sarajevo undenkbar. Da stehen Moscheen und Kirchen manchmal fast Wand an Wand.

Die Baščaršija, Sarajevos «Basar» in der Altstadt.

So sei es ganz selbstverständlich gewesen, zum Fastenbrechen, zu Weihnachten oder zum Laubhüttenfest Freunde und Nachbarn einzuladen, die nicht den selben Glauben teilten. Das erzählen auch unsere Freunde in Goražde. Sie erinnern sich, dass sie in ihrer Kindheit an sehr vielen Festen mit dabei waren und es sie eigentlich kaum interessierte, was da gerade gefeiert wurde.

Die Franziskanerkirche zum Heiligen Antonius von Padua und davor die Brauerei Sarajevska Pivara | Foto Jane Sweeney, Alamy

Hier passt es, kurz von den Franziskanern in Sarajevo zu erzählen.

In Sarajevo ist die Franziskanerkirche im gleichen Stil gebaut und in der gleichen roten Farbe gestrichen wie die daneben liegende Bierbrauerei. Das ist kein Zufall. Erstens haben die Franziskaner seit jeher eine Affinität zum Bierbrauen. Und zweitens haben sie eine unglaublich lange Präsenz in Bosnien. Bereits 65 Jahre nach dem Tod des Franz von Assisi haben sie sich 1291 in Srebrenica angesiedelt. Sie haben sich geschickt mit den jeweilig Herrschenden arrangiert. Sogar als die Osmanen Bosnien erobert haben, gewährt Sultan Khan den Franziskanern umfassenden Schutz und Religionsfreiheit.

Die Franziskaner brauen also das Bier in einer Stadt mit einem großen Bevölkerungsanteil an Muslimen, für die Alkoholgenuss eigentlich kein Thema sein sollte. Im Krieg hat die Brauerei aber wesentlich zur Linderung der Not der eingeschlossenen Bevölkerung beigetragen. Als in der Stadt das Wasser knapp geworden ist, hat die Brauerei kurzerhand eine ganze Batterie von Wasserhahnen an ihre Außenmauern montiert. So konnte man in der Nacht, aber auch da natürlich unter großer Lebensgefahr, bei der Brauerei Trinkwasser zapfen.

Nach dem Krieg gründet der Franziskaner Ivo Marković einen Chor, der sich «Pontanima» – Brücke der Seele – nennt, dem Christen, Muslime, Juden und Atheisten angehören. Sie singen Lieder in Hebräisch, Arabisch, Bosnisch, Altkirchenslawisch, Lateinisch und Ladino, der Sprache der sephardischen Juden. Auch wenn solche Traditionen nach dem Krieg deutlich weniger geworden sind, gibt es etliche Leute, die den offenen Geist Sarajevos wieder beleben möchten.

Blick von den Hügeln über die Stadt

Es hat sich bereits gezeigt – über Sarajevo kann man nicht lange reden, ohne dass man auf den Krieg zu sprechen kommt. Das Durchleiden der Belagerung war für Sarajevo traumatisch. Wenn man über die Stadt blickt, erkennt man, wie wunderbar eingebettet Sarajevo im Tal der Miljacka liegt, im Schutz der umliegenden Hügel. In der Logik des Kriegs verkehrt sich dies ins Gegenteil: Völlig ungeschützt ist die Stadt den Belagerern ausgeliefert, nachdem diese ihre Granatwerfer und Scharfschützen auf den Hügeln positioniert haben.

Sarajevoer suchen Schutz hinter einem UN-Schützenpanzer | Foto Justin Leighton, Alamy

Im April 1992 kesseln Streitkräfte der bosnischen Serben Sarajevo ein. Es beginnt eine Belagerung, die 1425 Tage andauern sollte. Es ist die längste Belagerung des 20. Jahrhunderts, und sie geschieht eine Flugstunde von Wien entfernt. Man sagt, dass die Serben keinen Vogel in die Stadt eingelassen hätten. Der Alltag der Bewohner ist unvorstellbar. Von den Hügeln ist fast jede Straße von Heckenschützen einsehbar und der Granatenbeschuss terrorisiert die Eingeschlossenen Tag und Nacht. Und doch gibt es in dieser bedrohten Stadt unglaubliche Beispiele zivilgesellschaftlicher Resilienz. Zwei seien hier kurz erwähnt.

Das zerstörte Hochhaus der Tageszeitung Oslobodenje | Foto Johnny Saunderson, Alamy

«Oslobođenje» («Befreiung») ist eine linksliberale bosnische Tageszeitung. Bereits wenige Monate nach Beginn der Belagerung, im Juli 1992 wird das Redaktionshochaus vollständig zerstört. Die Redaktion, die seit jeher multiethnisch ist und sich aus Bosniern, Serben und Kroaten zusammensetzt, entscheidet sich, ihre Arbeit in Luftschutzkellern weiterzuführen. Aus alten Lada-Motoren bauen Helfer ein Notstromaggregat, mit dem die 75-köpfige Mannschaft ihre Zeitung behelfsmäßig weiterproduzieren kann. Trotz Belagerung erscheint die Zeitung also weiterhin. Den Weg zur Redaktion machen die RedakteurInnen unter Lebensgefahr, weil sie die als besonders gefährlich geltende «Snajperska aleja» (Heckenschützenallee) überqueren müssen. Auf dem Weg zur Arbeit sterben einige KollegInnen. Als die Vertriebswege nach ausserhalb der Stadt unterbrochen werden, schneiden die Oslobođenje-Leute ihre Zeitungen auseinander und schicken sie per Fax in Städte wie Mostar und Srebrenica.

Die Zeitung hat nach dem Krieg den Sacharow-Preis des Europäischen Parlaments erhalten.

Schwarzer Humor – eine Wandmalerei in Sarajevo | Foto Fabri, 123rf

Der Schriftsteller Safet Plakalo gründet bereits einen Monat nach Kriegsbeginn das «Sarajevoer Kriegstheater». Er ist ein anerkannter Dramatiker (und Ibsen-Preisträger), beschließt aber, weil in seiner Stadt nur noch das Leid herrsche, künftig ausschließlich Komödien zu schreiben. Das Ensemble setzt sich aus SchauspielerInnen von Theatern zusammen, die wegen des Kriegs bereits geschlossen sind. Man spielt in einem Kellerraum, in dem sich die BesucherInnen allabendlich drängen. Im Winter bringen sie als Eintritt etwas Brennholz zum Heizen mit. Immer wieder, so berichtet man, gelingt das Wunder, inmitten des Schreckens des Kriegs die Menschen zum Lachen zu bringen. Nicht selten aber endet der Hunger nach ein bisschen Kultur auf dem Nachhauseweg mit dem Tod. Diese Verantwortung will das Kriegstheater nicht mehr länger tragen. Es macht sich darum selber auf den Weg, geht seinem Publikum entgegen und spielt fortan in den verschiedenen Stadtteilen in Kellern und Garagen, in Bunkern, Spitälern und Kinderheimen.

Freilich wissen wir, dass die Situation von Sarajevo und von Bosnien damals wie heute sehr komplex und zeitweise auch etwas bedrückend ist. Aber wir halten uns gerne an solch hoffnungsvolle Geschichten.

Ein Café im heutigen Sarajevo

Bosna Quilts

Text: Lucia Lienhard-Giesinger, Daniel Lienhard, Laurenz Feinig.
Gestaltung: Grafische Praxis, Feldkirch, Development: weitweit.com
Fotografie: Daniel Lienhard, wo nicht anders angegeben