Bosna Quilts

So entsteht ein Bosna Quilt

30.07.2021

Ein Bosna Quilt ist ein Gemeinschaftswerk zweier Frauen. Welche Arbeitsschritte es dazu braucht und wer was macht, das zeigen wir hier Schritt für Schritt.

Entworfen wird jeder Quilt in Bregenz am Bodensee, in der Werkstatt von Lucia Lienhard-Giesinger.

Hier lagert der Stoff, aus dem die Bosna Quilts sind. In Lucias Atelier schlägt allen, die Textiles lieben, das Herz etwas höher. Ungezählte kleine und große Stoffstücke finden sich hier in den feinsten Farbabstufungen. Lucia wirft auch das kleinste Fetzchen nicht weg. Es kann ja sein, dass sie genau dieses für den nächsten Quiltentwurf braucht. Lucia verwendet hauptsächlich Baumwollstoffe, Tencel und vereinzelt auch Leinen.

Lucia entwirft den Quilt direkt mit den Stoffen am Boden. Sie legt Stoff an Stoff, Farbe an Farbe, probiert und verwirft wieder. So lange, bis der Entwurf ihr gefällt.

Dann heftet sie die Stoffstücke mit Stecknadeln zusammen, damit nichts verrutscht. Denn der Entwurf wird ja bald nach Bosnien reisen. Lucia legt auch die Fäden dazu, mit denen der Quilt dann übernäht wird. Sie bestimmt also nicht nur die Farben der Stoffe, sondern auch die Farben der Fäden.

Jetzt macht Lucia zu jedem Entwurf zwei Skizzen. Eine mit den Farben, die den Entwurf des Quilts zeigt. Und eine mit den genauen Maßen. Das hilft der Näherin in Bosnien, die Farbflächen richtig zu platzieren und in der exakten Größe zusammenzunähen.

Wenn elf Quiltentwürfe bereit liegen – für jede bosnische Näherin einer – werden die Entwürfe, die Fäden und die Skizzen gut verpackt und nach Bosnien auf den Weg geschickt.

Die Entwürfe kommen nach Goražde an der Drina. Hier werden die Quilts genäht und gesteppt.

Safira Hošo, die Leiterin der Werkstatt in Bosnien, holt die Quiltentwürfe beim Transporteur in Sarajevo ab. Dann ruft sie alle Näherinnen in ihrem Haus in Goražde zusammen und verteilt die Arbeiten. Die Quilts werden von den Frauen zuhause genäht, also in Heimarbeit. Sobald eine Frau ihren Quilt fertiggestellt haben wird, wird sie ihn wieder zu Safira bringen. Wenn Safira alle fertigen Quilts erhalten hat, wird sie sich um den Rücktransport nach Österreich kümmern.

Mirza Mašić hat hier die Farbflächen bereits zusammengenäht. Mit der Nähmaschine und mit Hilfe von Lucias Maßskizze.

Dann wird der Quilt gefüttert. Zuoberst liegt die Bildseite. In die Mitte wird ein dünnes, synthetisches Vlies eingelegt. Hinten wird der Quilt mit einem einfarbigen Rückstoff geschlossen. Der Quilt ist also dreilagig. Damit die Schichten nicht mehr verrutschen, hat ihn Emina Hošo mit einem gelben Faden grob geheftet (er ist im Foto sichtbar). Dies ist nur ein Hilfsfaden, der am Schluss wieder entfernt wird. Emina hat auch bereits begonnen, erste Quiltnähte über den Quilt zu ziehen. Eines ihrer bevorzugten Muster sind Wellenlinien. Die Wellen der Drina, sagt sie.

Mit welchen Mustern der Quilt übernäht wird, entscheidet jede Näherin selber. Jede Frau hat über die Jahre ihre ganz eigene Handschrift entwickelt. Hedija Kazagić hat hier mit dem Quilten eben erst begonnen. Man sieht, dass sie frei, ohne Vorzeichnen, näht. Auch bei Hedijas Quilt ist noch der gelbe Heftfaden erkennbar, der später wieder wegkommt.

Vesna Malokas hat das Ornament, das sie quilten will, grob mit Schneiderkreide skizziert.

Viele Stunden später ist der Quilt vollständig übernäht – nach wie vielen ist schwer zu sagen. Es sind elf verschiedene Frauen, elf Temperamente und elf unterschiedliche Lebenssituationen. Da dauert es einmal länger, einmal weniger lang, bis ein Quilt fertig ist. Aber nach etwa fünf Wochen sind die Quilts in der Regel fertiggestellt.

Zum Schluss wird noch das Jahr der Herstellung eingestickt, die Etikette aufgenäht und von beiden Frauen unterschrieben. Nun ist es fertig, das Original.

Eine Bemerkung am Rande, aber nicht unwichtig: Die bosnischen Frauen werden für ihre Arbeit bezahlt gleich nachdem sie den Quilt fertig genäht haben. Sie müssen auf ihr Honorar nicht warten, bis der Quilt verkauft ist. Dieses Risiko trägt die Werkstatt in Bregenz.

Bosna Quilts

Text: Lucia Lienhard-Giesinger, Daniel Lienhard, Laurenz Feinig.
Gestaltung: Grafische Praxis, Feldkirch, Development: weitweit.com
Fotografie: Daniel Lienhard, wo nicht anders angegeben