Bosna Quilts

Ja, die Bosna Quilts, die machen wir

30.07.2021

Wir sprechen verschiedene Sprachen. Wir wohnen in verschiedenen Ländern. Nicht einmal der gleichen Religion gehören wir an. Aber wir sind ein wunderbar eingespieltes Team. Seit 1998 arbeiten wir zusammen. Wir haben seither sehr viele Quilts gemacht, es sind insgesamt vielleicht zweitausend. Und wir versuchen tatsächlich, jeden so anzugehen, als sei er unser erster.

«Es ist mein Leben und meine Liebe», hat Safira einmal über die Arbeit mit den Quilts gesagt. Das gilt, denken wir, für uns alle.

Lucia Lienhard-Giesinger, Initiantin und künstlerische Leiterin der Bosna Quilt Werkstatt, Bregenz, Österreich

Als Lucia von der Idee hört, welche Künstlerinnen mit bosnischen Flüchtlingsfrauen zusammenbringen will, ist sie begeistert und macht gerne mit. Lucia ist Malerin. Sie entscheidet sich aber dafür, mit den Frauen Quilts herzustellen. Obwohl sie selber noch nie einen gemacht hat. 1993 fährt sie mit einem Stapel an Stoffen und einigen Entwurfsskizzen zum ersten Mal nach Feldkirch ins Flüchtlingsheim Galina. Dort entstehen in einer ehemaligen Garage die ersten Quilts. Schon ganz zu Anfang setzt sich die Arbeitsteilung durch, die bis heute geblieben ist: Lucia macht den Entwurf, die Frauen übernähen ihn. Die Arbeit ist für alle völlig neu, für Lucia und die Frauen, die mittun. Was sich später aber als Glücksfall herausstellt: Lucia und die bosnischen Näherinnen «erfinden» den Quilt gemeinsam neu.

Safira Hošo, Leiterin der Bosna Quilt Werkstatt in Goražde, Bosnien

Safira strandet auf der Flucht vor dem Krieg mit ihrer Familie im Flüchtlingsheim Galina in Vorarlberg. Dort lernt sie Lucia kennen. Sie macht von Anfang an in der Quiltgruppe mit. Als die Flüchtlinge nach Ende des Krieges nach Hause müssen oder dürfen, hat Safira die Idee, die Bosna Quilt Werkstatt trotzdem weiterzuführen. Das klingt zunächst utopisch, gelingt dann aber dank der Hilfe vieler Leute. Heute leitet Safira die Werkstatt in Goražde und koordiniert die Arbeit der Näherinnen. Und sie tut das mit einer solchen Umsicht und Zuverlässigleit, wie man es sich besser nicht wünschen könnte.

Das Bild zeigt eine Arbeitsbesprechung in Safiras Garten anlässlich eines Besuchs von Lucia.

Sabina Dolo, Goražde

Sabina (im Bild links, mit Safira) erlebt und überlebt den Krieg in Goražde. Sie hat von Safira gehört, die eben aus Österreich in ihre Heimat zurückgekehrt ist und Frauen sucht, die in der Bosna Quilt Werkstatt mitmachen möchten. Sie wird in die Gruppe aufgenommen. Wie neun andere Frauen auch, die während des Kriegs in Bosnien geblieben sind und von Safira für das Bosna Quilt Projekt gefunden worden sind. Alle, ob geblieben oder geflüchtet und heimgekehrt, müssen sich in der zerstörten Stadt irgendwie eine neue Existenz aufbauen. Dass Safira mit diesem Quilt-Projekt heimkehrt, ist für alle ein Glücksfall.

Sabina wohnt heute im gleichen Haus wie die Familie ihres Sohnes. Weil sie Zeit für die Enkel haben möchte, näht sie nur noch kleinere Quilts. Sabina schreibt auch Lieder und Gedichte. Hier trägt sie uns ein Gedicht über die Bosna Quilt Werkstatt vor, ein Gedicht über Farben, Hoffnung und Liebe. Safira übersetzt.

Ševala Hadžimesić, Sarajevo

Ševala hat lange in Goražde gelebt. Aber nun ist sie zu ihrer Tochter nach Sarajevo gezogen, in einen Außenbezirk in der Nähe des Flughafens. Wenn Safira einen neuen Quilt-Entwurf für sie hat, steigt Ševala zuerst in eine Sarajevoer Straßenbahn. Da kann es sein, dass sie mit einem Wagen fährt, der früher einmal in Wien, in Amsterdam oder in Köln verkehrte. Nach dem Krieg hat Sarajevo von verschiedenen Städten ausgemusterte Tramwagen geschenkt bekommen. Am andern Ende der Stadt steigt Ševala in den Bus nach Goražde um. Für die gut 100 km muss sie zwei Stunden rechnen.

Auf dem Foto spaziert Ševala mit Lucia durch einen Park in Ilidža, einem alten Kurort aus österreichisch-ungarischer Zeit, etwas außerhalb von Sarajevo.

Emina Hošo, Goražde

Emina kann alles. Sie kann hervorragend quilten, aber sie kann auch betonieren, Fliesen verlegen und Steckdosen anschließen. Ihr kleines Wochenendhäuschen, das ihrer Familie gehörte und während des Kriegs ein Lazarett war, hat sie aufs Schönste renoviert. Ganz allein, mit einer unbändigen Lust zu gestalten. Wenn sie ein Blumenbeet einfassen will, verziert sie das Mäuerchen mit kleinen Kieselsteinen aus der Drina. Von dort holt sie auch die Fische, die sie in ihrer Gartenküche grillt. Dazu gibt es Gemüse, das ihr Garten unten am Fluss in Fülle hergibt.

Emina lacht viel. Aber das kann täuschen. In Bielefeld, wo sie sich vor dem Kriegs in Sicherheit bringen konnte, habe sie viel geweint. Und die Traurigkeit kann sie auch heute noch heftig überfallen.

Munira Karo, Goražde

Wenn man aus der Stadt zu Muniras Haus hochgeht, muss man sich nach der Waffenfabrik links halten und dann einer kleinen Straße folgen. Dort, wo das Foliengewächshaus steht, dort wohnt sie. Man sieht Munira an, wie viel sie arbeitet. Sie ist klein und drahtig und hat dauernd etwas zu tun. Lange hat sie ihren Mann gepflegt, der an einer Nierenkrankheit litt. Vor ein paar Jahren ist er gestorben. Zum Glück lebt Muniras Tochter im Erdgeschoß ihres Hauses. Darum gehen ihre Enkel bei ihr ein und aus. Wenn man ins Wohnzimmer kommt, liegt sicher Enkel Adi auf dem Sofa und spielt mit dem Handy. In einer Ecke steht, wie ein Altar, ein kleines Tischchen mit einem Computer drauf. Von hier hält Munira Verbindung zu ihrem Sohn und seiner Familie und zu ihren Brüdern, die alle in Lyon leben.

Munira hat seit längerem ein richtiges Hoch im Quilten. Sie kombiniert ihre fantasievollen Ornamente derart mutig, dass man erst beim zweiten und dritten Hinschauen erkennt, welcher Reichtum in einem Munira-Quilt steckt.

Hedija Kazagić, Goražde

Wenn Hedija einen neuen Quilt in Arbeit hat, schaut Salim, ihr Mann, dass er seiner Frau so gut es geht den Rücken freihalten kann. Dann kocht er oder macht die Einkäufe. Obwohl er in der Tankstelle unten an der Hauptstraße arbeitet, mit Nachtdienst und allem. Salim gehört nicht zu den Männern, die sich von ihrer Frau bedienen lassen. Er hat auch kein Problem damit, dass Hedija einen guten Teil des Einkommens beisteuert.

Immer, wenn wir in Bosnien zu Besuch sind, gehen wir alle zusammen essen. Einmal klopft Salim am Ende ans Glas und steht auf, um sich für die Einladung zu bedanken. «Die Bosna Quilt Werkstatt ist die bessere Firma als meine Tankstelle», sagt er augenzwinkernd. Die habe ihn noch nie zu so einem Essen eingeladen.

Mirza Kozo, Goražde

Mirza wohnt mit ihrem Mann Eso in einem Haus nicht weit vom Ufer der Drina. Aber nicht mehr so nah am Fluss wie bis 2010. Die Drina ist leider ein gefährlicher Fluss. Innert kürzester Zeit kann der Wasserstand um bis zu zwei Meter steigen, weil das Kraftwerk Mratinje in Montenegro immer wieder und ohne Vorwarnung die Schleusen der Talsperre öffnet. Darum kann die Bevölkerung von Goražde auch nicht mehr in der Drina baden. Im Dezember 2010, als es ohnehin schon zu lange geregnet hat, muss das Kraftwerk Wasser ablassen, weil der Stausee voll ist. Mirzas und Esos Haus steht bis unters Dach unter Wasser. Die beiden verlieren alles, können sich dann später aber auf einem etwas höher gelegenen Grundstück ein neues Haus bauen. Auf der Mauer neben dem Eingang hat Eso den Pegelstand der Drina von 2010 festgehalten.

Aber weder Krieg noch Hochwasser haben Mirza ihren Humor geraubt. Sie kann unglaublich verschmitzt sein. Auch ihre Art zu quilten ist einzigartig. Mirza macht keine Ornamente, sondern stichelt die Fläche so lange mit wilden Stichen zu, bis sie am Ende ein überaus attraktives Gesamtbild ergeben.

Vesna Malokas, Goražde

Das ist die Aussicht aus Vesnas Wohnung im sechsten Stock eines Wohnblocks. Im Vordergrund die Handy-Antenne der Post, im Hintergrund die sanften Hügel mit den kleinen, ländlichen Weilern, die noch zur Stadt gehören. Die Häuser sind alle mit den gleichen Dachziegeln gedeckt, das lässt die kleinen Dörfer seltsam uniform aussehen. Es war aber nach dem Krieg eine der dringendsten Hilfsmaßnahmen, dass die Dächer der zerbombten Häuser rasch wieder gedeckt und dadurch wieder bewohnbar gemacht wurden. Vesna träumt davon, in einem solchen Häuschen im Grünen zu wohnen. Vielleicht bleibt das ein Traum. Wie für so viele in Bosnien ist auch Vesnas finanzieller Spielraum äusserst gering.

Wenn man Vesna beim Nähen zuschaut, wie bedächtig und genau sie ihre Nähte setzt, dann würde sie sehr gut in einen kleinen Garten passen, unter den Zwetschgenbaum, den Quilt auf den Knien, im Hintergrund die Bohnen und die Paprika. Und im Gras das Dreirad eines Enkelkinds. So steht das Rad jetzt im dunklen Korridor ihres Wohnblocks, und so muss es gut sein.

Mirza Mašić, Goražde

Wenn Mirza aufkocht, sollte man mit einem guten Appetit zu Tisch kommen. Sie kocht nämlich hervorragend. Und nicht nur das. Fast alle Zutaten, die sie verwendet, kommen aus eigener Produktion. Aus dem Folientreibhaus das Gemüse und die Früchte, aus dem Keller das Eingelegte, aus dem Stall Fleisch und Frischkäse, und zwischendurch nicht zu knapp selbstgebrannten Slivovitz. Natürlich macht Mirza das nicht allein. Ihr Mann Rashed ist genauso ein Schwerarbeiter wie sie. Die beiden sind praktisch Selbstversorger. Sie leben mit Mirzas Mutter Saha etwas außerhalb von Goražde, in der Republika Srbska, also im serbischen Teil Bosniens, wo sie schon vor dem Krieg gelebt hatten. Die Rückkehr nach dem Krieg war alles andere als einfach. Aber nun sind sie in Kopači wieder zuhause.

Sada Srna, Goražde

Wenn Sada aus dem Fenster blickt, sieht sie hinunter ins Tal der Drina und auf den serbisch-orthodoxen Friedhof. Gorazde ist in der Nachkriegsordnung Bosniens eine Enklave, und darum umgeben von serbischen Dörfern. Sada und ihr Mann Ekrem wohnen hier mit ihren Schafen. Idyllisch, aber auch einsam.

Wir sind gerade zu Besuch, als uns auffällt, wie sorgfältig der stämmige Ekrem mit den Quilts hantiert. «Gefällt dir, was Sada näht?», fragen wir. «Natürlich», antwortet Ekrem, «ich mach ja die Hälfte». Und gesteht dann, dass er seine Frau vor allem dann unterstützt, wenn die zusammengehefteten Stoffstücke aus Österreich ankommen und es gilt, diese nach Plan und genau auf Maß zusammenzunähen.

Ćamila Sudić, Goražde

Camila (rechts im Bild) wohnt mit ihrem Mann Eso und ihren beiden Kindern Minela und Elmin ursprünglich nicht in Goražde, sondern in Sudići in den Bergen. Als der Krieg kommt, glaubt die Familie nicht, dass der Arm der Gewalt bis in ihr kleines Bergdorf reichen würde. Leider täuscht sie sich. Die Familie muss mit ihren beiden Kleinkindern flüchten, lebt eine zeitlang im Wald und gelangt dann ins belagerte Goražde. Weil sie Unterschlupf findet in einem leerstehenden Haus in unmittelbarer Nachbarschaft von Safira, wird Camila Mitglied der Bosna Quilt Werkstatt.

2018 stirbt Camilas Mann Eso bei einer im Grunde unproblematischen Untersuchung am Herzen völlig unterwartet. Wenig später findet ihr Sohn Elmin eine Stelle als Informatiker in Graz und wandert dorthin aus. Zurück bleiben die beiden Frauen, Camila und ihre Tochter Minela (links). Eine typisch bosnische Familiengeschichte. Der Krieg hat Familien auseinandergerissen und dezimiert. Viele sind nach der Flucht im Exil geblieben. Und viele sind gestorben, im Krieg oder danach. Von den elf Frauen der Bosna Quilt Werkstatt haben deren sechs ihre Männer bereits verloren, die meisten nach dem Krieg.

Bosna Quilts

Text: Lucia Lienhard-Giesinger, Daniel Lienhard, Laurenz Feinig.
Gestaltung: Grafische Praxis, Feldkirch, Development: weitweit.com
Fotografie: Daniel Lienhard, wo nicht anders angegeben